Hallo zusammen,
heute möchte ich mit Hilfe des „Reiz-Reaktions-Schema“ die Angstentstehung möglichst einfach und verständlich erklären.
Wer es sich genau mit allen Fachbegriffen betrachten möchte (Unbedingter Stimulus, Bedingter Stimulus, Bedingte Reaktion usw.) findet dies im Internet u.a. unter dem Begriff „Klassische Konditionierung“.
Viel Spaß beim Lesen.

Natürlich spielen oft verschiedene Faktoren eine Rolle weshalb wir auf plötzliche Reize mit einem bestimmten Verhalten reagieren, die folgende Erklärung ist deshalb lediglich als eine von vielen Möglichkeiten zu verstehen.
Sehen wir uns die Entstehung anhand eines fiktiven Beispiels an.

Und los geht´s.
Stellen wir uns vor, eine Patientin erzählt mir von ihrer Angst vor Prüfungen. Dabei habe sie immer ein ganz mulmiges Gefühl. Sie empfinde starkes Herzklopfen, Schwitzen, Zittern und habe ein flaues Gefühl im Magen. Die Prüfungen sind für sie extrem unangenehm.
Ihre Ausbildung mache ihr Spaß und eigentlich freue sie sich auf die bevorstehenden Prüfungen bzw. auf die Zeit danach. Jedoch reiche schon allein die Vorstellung zu den Prüfungen und Tests gehen zu müssen, damit sie sich extrem unwohl fühle.
Da sie keine genauen Erinnerungen an unangenehme Ereignisse in Zusammenhang mit Prüfungen und auch sonst keine Vorstellung hat woher das kommen könnte, befrage ich sie zu Ihrer kindlichen Entwicklung.
Dabei erzählt sie mir unter anderem, dass sie sich erinnert, wie sie am Morgen vor einer Prüfung ihre Eltern streiten hörte. Im Laufe des Streits bekam sie mit, dass ihre Eltern sich trennen möchten.
Natürlich war sie darüber sehr traurig und völlig durcheinander, als sie danach zur Schule ging. Wie es der Zufall wollte, stand gleich zu Beginn des Tages eine Prüfung an.
Sie saß in der Prüfung, war total durcheinander, konnte sich nicht konzentrieren, schwitzte und zitterte.
Nehmen wir diesen Fall so wie beschrieben und betrachten ihn nun mit dem Reiz-Reaktions-Schema (vereinfachtes Modell):

Neutrale Situation + Plötzlicher Reiz = Plötzliche Reaktion

Für die neutrale Situation setzen wir hier die Prüfung ein, für einen plötzlichen Reiz den Streit, die drohende Scheidung der Eltern und für die plötzliche Reaktion die unangenehmen Gefühle die bei den Gedanken an eine Scheidung entstehen.

Anmerkung: Natürlich ist es normal bei einer Prüfung (= Unbedingte Situation) aufgeregt zu sein und Herzklopfen (= Unbedingte Reaktion) zu haben. Das würde aber zu tief in die Thematik gehen und soll in diesem Beispiel nicht von Bedeutung sein.

Jetzt sieht unser Modell folgendermaßen aus:
Prüfung + Scheidung = Unwohlsein/Angst/Panik

Die neutrale Situation (Prüfung) wird zu einer gefährlichen Situation mit einer bedrohlichen Reaktion.

Im Laufe der weiteren Schuljahre, unabhängig ob es zur Scheidung kommt oder nicht, setzt sich im Organismus folgendes fest:

Prüfung = Unwohlsein
Prüfung = Gefährlich
Prüfung = Panik

Siehe dazu auch den Blogbeitrag (Über die Angst, die Entstehung und Aufrechterhaltung aus der Sicht des Gehirns).

In diesem Fall und aus der Sicht des Reiz-Reaktions-Schema bedeutet es vereinfacht gesagt, dass Prüfungen etwas Gefährliches sind.
Dazu können wir verschiedene weitere Situationen als Beispiel nehmen:

Bsp.1:
Rolltreppe fahren + Erschrecken durch Geräusch/Knall = Unwohlsein
Rolltreppe fahren = Unwohlsein

Bsp.2:
Menschen treffen + Erschrecken durch Geräusch/Knall = Angst
Menschen treffen = Angst

Wir könnten auch sagen, eine Person lernt nach einem speziellen Reiz ein bestimmtes Verhalten zu zeigen (= klassische Konditionierung).

Selbstverständlich können auch andere neutrale Reize (= Neutraler Stimulus) die vorher keine besonderen Reaktionen zur Folge hatten, zu einer Überreaktion führen (= Bedingter Stimulus; Ursprünglich neutraler Reiz ruft eine Reaktion hervor).
Weitere Beispiele wären vorher als ungefährlich, neutral wahrgenommene Gerüche oder Geräusche die nach einer negativen Erfahrung zu einer Überreaktion oder Abneigung führen (= Bedingte Reaktion; Die auf einen ehemals neutralen Stimulus folgende Reaktion).

Im Fall der sehr rational denkenden Patientin, könnte diese Erklärung sehr hilfreich sein.
In weiteren Sitzungen könnten wir die Gefühle und körperlichen Wahrnehmungen von früher, mit den Empfindungen in einer Prüfungssituation in der Gegenwart vergleichen.
Ich nenne diese Übungen „Vorstellungsübung“, wir könnten auch Hypnose dazu sagen.
Durch dieses Vergleichen und den dazu entstehenden Gedanken könnte sich eine neue Bewertung, der als bedrohlich empfundenen Prüfungssituation, ergeben.

Bericht Ende.

Manchmal sind solche Fachthemen nicht immer leicht zu erklären, insbesondere da ich hier nicht zu lang schreiben möchte. Ich denke aber dennoch, dass es soweit gut verständlich geworden ist und bedanke mich bei Euch, für eure Geduld und euer Interesse beim Lesen.

Ich wünsche euch fröhliches, erfolgreiches, freudiges und herzliches Schaffen. Habt Spaß und Freude an euren Ideen, seit kreativ und genießt euer Leben.

Euer Therapeut
Markus Schuster