Hallo zusammen,

heute geht es um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen.

Allerdings möchte ich in diesem Bericht die Zwangsstörungen nicht aus psychologischer/psychotherapeutischer Sicht, sondern anhand einer fiktiver Geschichten erzählen.

Natürlich sind jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Namen usw. rein zufällig.

Die Erzählung ist kurzgehalten und kann nur einen kleinen Einblick in den komplexen Aufbau und die Entstehung von Zwangsstörungen widergeben.

Viel Spaß beim Lesen, los geht´s.

Die Geschichte von Leni:

Leni war schon immer ein freundliches, zurückhaltendes und neugieriges Mädchen. Sie ging offen auf die Menschen zu, lachte gerne und man könnte sagen, sie war ein ruhiges aber aufgeschlossenes Kind. Sie wuchs in einer ordentlichen Familie auf und zuhause war es immer sehr wichtig sauber und gewaschen zu sein.

Ihr Vater nahm es dabei sehr genau. Regelmäßig musste sie ihm ihre sauberen Fingernägel zeigen, musste sich vor dem essen ordentlich die Hände waschen und auch in ihrem Zimmer musste alles ganz genau aufgeräumt sein.

„Wenn du schmutzig bist, hat Papa dich nicht lieb“ bekam sie oft zu hören. Manchmal wurde ihr sogar gedroht, wenn sie nicht brav und sauber sei, dann komme sie ins Heim, die sorgen dann schon dafür das aus ihr ein ordentliches Mädchen wird.

Leni erzählt wie sie regelmäßig Angst bekam, dass sie weggebracht wird, nicht geliebt wird und so begann sie alles sehr genau zu nehmen. Sie wusch sich regelmäßig, putzte sich mehrmals am Tag die Hände, die Finger, achtete penibel darauf das ihre Kleidung sauber blieb und zog sich dabei immer mehr zurück. Sie spielte immer seltener mit anderen Kindern, da könnte sie ja schmutzig werden, stand oft abseits der anderen und war gerne für sich allein, denn dann konnte ja nichts passieren.

Natürlich bemerkten das die anderen Kinder und begannen sie zu hänseln und zu beleidigen.

Leni war das zwar nicht egal, aber viel wichtiger war für sie, dass ihr Papa sie lieb hatte. Wenn es mal wieder ganz schlimm wurde mit den Hänseleien, dann zog sich Leni noch mehr zurück. Am besten gefiel es ihr dabei, wenn sie mit ihren Haaren spielte, da war sie dann ganz versunken und bekam gar nichts mehr mit. Manchmal hatte sie sogar ein paar Haare herausgezupft, aber das bemerkte sie gar nicht richtig.

Ab und zu kam es vor, dass sie für ihren Vater nicht sauber genug war und dann musste sie ohne Abendessen ins Bett. Manchmal sprach ihr Vater gar nicht mehr mit ihr, weil er mit einem so unordentlichen Kind nichts zu tun haben wollte. In solchen Situationen bemühte sich Leni noch mehr, noch sauberer und ordentlicher zu werden, damit wieder alles gut wird.

(sogenannte Verstärkung; Die Auftretenswahrscheinlichkeit erhöht sich, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird, damit ein positiver Reiz hinzukommt und/oder ein negativer Reiz entfernt wird).

Weiter im Text:

Die Mutter von Leni unterstützte sie dabei, immer schön sauber zu bleiben, ein braves Mädchen zu sein und auch für die Mutter war ein adrettes Aussehen von immenser Bedeutung. Dabei war es ganz besonders wichtig für ihre Mutter, was die Nachbarn über sie denken und reden könnten.

Leni kann sich erinnern, wie sie regelmäßig an Sonn- u. Feiertagen auswärts zum Essen waren und anschließend spazieren gegangen sind. Dafür putzten sich alle regelrecht heraus und „präsentierten sich“ wie ihr Vater es nannte, damit alle sehen konnten „wie edel und rein wir sind“.

Manchmal bekam Leni so schreckliche Angst, dass sie nicht sauber genug sei, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte sich zu waschen. Sie hatte dann das Gefühl, irgendwo war noch etwas schmutzig. Und wenn gar nichts mehr half, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und spielte mit ihren Haaren, das beruhigte sie. Dabei entdeckte sie für sich, wenn sie das ein oder andere Haar herauszog, dass sie einen kleinen Schmerz, ein „ziepen“ (ziehen) spürte, was ihr irgendwie die Spannung, die Sorgen nicht sauber genug zu sein aus ihrem Körper nahm und dabei sogar ihre Gedanken zur Ruhe kamen. Aber das hielt nur kurz an und der Zeitraum zwischen den „Ritualen“ (waschen-zupfen-waschen-zupfen) wurde immer kürzer.

Im Laufe der Jahre verschlimmerten sich die Gedanken und Handlungen, insbesondere vor Prüfungen oder besonderen Ereignissen (Familientreffen, Schulausflüge usw.). Wenn sie Angst bekam, dann musste sich Leni nur genügend waschen oder Haare auszupfen und schon legte sich die Angst wieder.

Ihr erinnert euch? Klassisches und operantes Konditionieren? Hier der Link:

https://www.psychotherapie-schuster.de/ueber-das-reiz-reaktions-schema/

https://www.psychotherapie-schuster.de/ueber-die-verstaerkung-der-angst-durch-vermeidungsverhalten/

Kurz gesagt, bei Leni verstärkten sich die „lebenswichtigen Rituale“ immer mehr, zeigten sich immer öfter und waren am Ende zu „nicht mehr wegzudenkende“ Gewohnheiten geworden.

Und was einem lebenswichtig und notwendig erscheint wird ja nicht einfach so aufgegeben, selbst wenn es als unsinnig erkannt und im Laufe der Zeit sogar als störend empfunden wird. Schmutz wurde zu etwas Gefährlichem, die Befürchtung nicht gut genug zu sein, die Angst nicht geliebt zu werden wurden zu einem unheilvollen Begleiter. Die Ängste vermeiden, sie nicht zu fühlen gelang nicht, aber die Ängste klein halten oder, wenn sie plötzlich da waren, durch zupfen und waschen milde zu stimmen, dass gelang wohl.

Jetzt befindet sich Leni, inzwischen eine erwachsene Frau, in therapeutischer Behandlung und es fällt ihr verdammt schwer, ihre geliebten aber inzwischen als Belastung empfundenen Rituale loszulassen. Immerhin hatten diese mal eine wichtige, lebensnotwendige Bedeutung in ihrem Leben und so etwas kann nur mit viel Bereitschaft, Wille und Ausdauer verändert werden. Aber Leni ist überzeugt es zu schaffen und freut sich über jede Gelegenheit, jedes Ereignis welches sie überwindet, ohne dabei auf ihre Rituale zurückgreifen zu müssen.

Bericht Ende.

Selbstverständlich stellt diese Geschichte nur eine Möglichkeit dar, wie es zu den verschiedenen Arten von Zwangsstörungen kommen kann.

Auf die wissenschaftliche Erklärung der Ursachen, der Entstehung und Entwicklung von Zwangskrankheiten (sog. Ätiopathogenese) gehen wir dann in einem der nächsten Berichte ein.

Vielen Dank für eure Geduld und euer Interesse beim Lesen. Bis zum nächsten Mal.

Euer Therapeut

Markus Schuster